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"Seid gemein – zum Wohl aller!"

Portrait Peter Koenig
Sonntag, 25. April 2021

"Seid gemein – zum Wohl aller!"

Im Oktober startet der 3. Durchgang unseres Zertifikatslehrgangs Geld und Gemeinwohl – die Finanzwelt verstehen und gestalten. Die kleinste Einheit der „Finanzwelt“ ist wohl die persönliche Beziehung, die jede und jeder zu Geld hat – und diese zu erforschen der naheliegendste Beitrag zu einem Wandel im Geld- und Finanzwesen insgesamt. Mithilfe der „Geldarbeit“, einer Methode des britischen Geldexperten Peter Koenig, machen sich die Teilnehmer*innen des Lehrgangs auf diese mitunter recht intensive Reise.

 

Lieber Peter, wie geht es dir heute?

Es geht mir gut! Wir hatten diesen Kongress letzte Woche, das hat mich und mein Team natürlich total beschäftigt. Jetzt bin ich am Entspannen. Es war intensiv über die letzten Monate, das alles aufzubauen, besonders mit der Technologie – es war alles total neu, aber es hat geklappt, und ich bin sehr zufrieden.

 

Wer und was verbindet dich mit der Gemeinwohl-Bewegung, bzw. was verbindest du damit?

Meine erste Begegnung hat sich in einem anderen Kontext ergeben – bei „Mind and Life“, das ist eine Bewegung, die in Alpbach gegründet wurde, von Francisco Varela aus seiner Begegnung mit dem Dalai Lama heraus. Sie beschäftigt sich damit, wie das wissenschaftliche Mindset von westlicher Seite und Buddhismus oder allgemein Spiritualität von östlicher Seite sich gegenseitig befruchten können. Und ich war hier in der Schweiz zu einem Folgetreffen eingeladen, bei dem auch Sarah Notter von der Gemeinwohl-Ökonomie war. Und natürlich war ich beeindruckt von dem System, und was Christian [Felber, Anm.] schon auf die Beine gestellt hat. Die weiteren Begegnungen liefen dann über Sylvia [Brenzel] und Alfred [Strigl]. Christian war auch bei mir in der Vorbereitung für den Kongress, hat präsentiert, war sehr beliebt, ich hatte ihn auch in Österreich schon ein paarmal gesehen.
Zur Gemeinwohl-Ökonomie: Ich weiß nicht, warum andere Systeme ausgebaut werden. Was in der EU gerade stattfindet mit x Arten von Gemeinwohl-Systemen, die unter „Taxonomy“ laufen, ist nicht notwendig. Man bräuchte nur Christians System in Gang zu bringen, und alles ist in Ordnung! (lacht) Aber alle müssen ihren Senf in der gleichen Sache dazutun, und man hat ein komisches Gemisch am Ende ... Aber so ist das Leben im Moment.

 

Du bist ja selbst, was das Thema Geld, Wirtschaft und Liebe in der Wirtschaft betrifft schon ganz lange aktiv, schon über 30 Jahre, und ein Hauptwerk deiner Arbeit war die Entwicklung der „Geldarbeit“. Ich greife sie auch deshalb heraus, weil diese Methode in unserem Zertifikatslehrgang zur Anwendung kommt – magst du vielleicht in einfachen Worten beschreiben, was das ist?

Ja, danke für diese Einladung. Es geht um die Entwicklung des Selbst in Bezug auf die eigene Identität. Das ist die kürzeste Beschreibung. Ich gehe von der Annahme aus, dass wir alle gleich geboren sind – mit der Fähigkeit, alles Gute in der Welt zu tun, und alles Böse gleichermaßen. Wir sind alle gut und böse gleichzeitig. Und die Kunst des Lebens ist, korrekt zu entscheiden: Wann ist der richtige Moment, gut zu sein, und wann böse zu sein – im Dienst des Ganzen. Im Lauf unserer Erziehung passiert es relativ unbewusst, dass wir entscheiden: Dieser Teil von mir bin ich, dieser auch, dieser gehört auch zu mir ... Gleichzeitig entscheiden wir über andere Teile: Das gehört nicht zu mir, das bin ich nicht, und das bin ich auch nicht ...
Und was ich akzeptiere, dass ich bin – zusammen mit dem was ich entschieden habe, dass ich nicht bin, das ergibt dann die ganze Person! Und diese Person hat gewisse Einstellungen zum Leben, ein gewisses Verhalten, auch gewisse Glaubenssätze. All das zusammen bringt meine Umstände im Leben hervor. Sie ziehen, wenn ich mir dessen nicht bewusst bin, einen roten Faden: Wen ich als Partner habe, was ich arbeite, und alle anderen Aspekte des Lebens. Und eben auch meine Beziehung zu Geld. Auch die wird dadurch geformt. Ob ich chronisch spare, chronisch Schulden habe oder um die Null am Bankkonto pendle – alles Folgen dieser unbewusst erschaffenen Identität. Und was die Geldarbeit tut, wirkt auf mehr als auf die Beziehung zu Geld. Wir besuchen in der Geldarbeit jene Persönlichkeitsanteile, von denen du unbewusst sagst: Das bin ich nicht! So bin ich nicht! Und Schritt für Schritt nehmen wir mit der Geldarbeit diese Anteile zurück. Dadurch werden wir größer in unserem Sein und kommen letztlich zurück zu der Fähigkeit, die wir als Baby hatten – mühelos und ohne Scham alles auszudrücken. So kann ich diese davor weggeschobenen Aspekte von mir bewusst nutzen in bestimmten Lebenssituationen. Und um nochmal darauf zurückzukommen, was das mit Geld zu tun hat: Die Beziehung zu Geld ist ein fantastischer Schlüssel in der Identitätsarbeit. Wie Geld im Kollektiv gestaltet wird, wirkt sich auf die verborgensten Teile meiner Identität aus – die, die ich eigentlich nicht sehen will. Die Beziehung zu Geld ist ein Tor für die Selbstentwicklung und öffnet riesige Potentiale.
Das ist meine nicht kurze, aber mittellängere Beschreibung der Geldarbeit :)

 

Geld ist also eine beliebte Projektionsfläche für uns Menschen – es redet ja auch nicht zurück, wie Partner, Familienmitglieder etc. :) Was möchtest DU auf Geld projizieren?

Also die Liebe natürlich, aber eigentlich alles! Ich projiziere alles auf Geld, aber die entscheidende Frage ist: Ist mir das bewusst oder nicht? In den letzten Jahren ist folgendes wichtiger und wichtiger geworden: besonders jene Aspekte zu uns zurückzunehmen, die wir als negativ betrachten. Um auf die großen Fragen, die wir als Gesellschaft im Moment haben, antworten zu können, ist es wirklich notwendig, besonders für sogenannte spirituelle Menschen und solche, die in der Welt etwas Gutes bewirken wollen, dass sie ganz bewusst ihre „bösen“ Seiten zu sich zurücknehmen, damit sie die Kraft und die Macht haben, etwas zu realisieren. Bei diesen sogenannten negativen Seiten konzentrieren wir Energie. Und es ist vor allem auch notwendig, um uns selbst vor unbewusster Aggression eines Gegenübers zu schützen. Es ist oft wirklich notwendig, die Tür zu schließen, oder sogar zurückzuschießen, damit ich wirklich geschützt bin. Und dann, mit dieser gleichen Konzentration von Energie, die einen Speer in den Boden rammt, kann ich mein gutes Projekt realisieren. Es geht nicht ohne. Ich muss eine gewisse Brutalität haben, um das wirklich umzusetzen. Du wirst das bei Christian, bei jedem erfolgreichen Unternehmer und auch bei jeder Mutter sehen – wenn das Kind auf die Straße rennt und ein Auto kommt, muss sie das Kind „brutal“ holen. Das ist oft ein Problem unter Menschen, die Gutes bewirken wollen, dass sie dazu neigen, diese negativ konnotierten Attribute von sich wegzuschieben. Dann werden sie Märtyrer, aber das hilft niemandem. Denn die bösen Teile kommen sowieso raus – unbewusst und im falschen Moment. Ich möchte das betonen in diesem Interview, weil diese Arbeit jetzt unbedingt notwendig ist und in normalen Coachings, Business Schools oder bei normalen Therapeuten nicht gelehrt wird. Die sind schwach – ich generalisiere hier, aber alles gut und heilig zu machen, greift nicht.

Das möchte ich auch euch mitgeben: Die Gemeinwohl-Ökonomie muss böse sein! (lacht) Wirklich! Diese Kraft, die braucht’s. Wenn man großer Gewalt begegnet, muss man selbst gewaltig sein – mit Freude. Das ist der Unterschied. Es ist dann wie ein Spiel.

 

Danke!

 

Sylvia Brenzel und Alfred Strigl, im Beitrag als Peters Koenigs Freunde erwähnt, sind Mitglieder im Aufsichtsrat bzw. Gemeinwohlbeirat der Genossenschaft für Gemeinwohl. Sylvia, langjährige Vertraute von Peter Koenig auf dem Gebiet der Geldarbeit, bringt diese in den Zertifikatslehrgang Geld und Gemeinwohl – Die Finanzwelt verstehen und gestalten ein, für den du dich jetzt anmelden kannst!