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"Immer das fordern, was Möglich ist!" – Ulrike Herrmann im Interview

Portrait Ulrike Herrmann
Dienstag, 25. Mai 2021

"Immer das fordern, was Möglich ist!" – Ulrike Herrmann im Interview

Ulrike Herrmann ist ausgebildete Bankkauffrau, Wirtschaftsjournalistin und Publizistin. Zu ihren Publikationen zählen unter anderem "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können" (2016) und "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind" (2019). Christina Buczko durfte ihr unsere Fragen stellen.

 

Frau Herrmann, wenn wir unser heutiges Wirtschaftssystem betrachten: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Baustellen?

Für mich sind es Umweltvernichtung, Finanzkrisen, Ungleichheit.

Wo liegt die Lösung? Was wären die ersten drei politischen Maßnahmen, die heute getroffen werden müssten?

Es geht nicht mehr um einzelne Maßnahmen, sondern um eine systemische Sicht. Man kann in einer endlichen Welt nicht unendlich wachsen. Aber der Ausstieg aus dem Wachstum bedeutet, dass man den Kapitalismus verlassen muss. Wir brauchen „grünes Schrumpfen“. Viele Fragen und Probleme stellen sich dann ganz neu: Finanzmärkte, zum Beispiel, kollabieren, wenn eine Wirtschaft schrumpft. Im Kern wird es sehr viel staatliche Planung brauchen, um dafür zu sorgen, dass alle Bürger jederzeit ein ausreichendes Einkommen haben.

Was bedeuten Wohlstand und Gemeinwohl für Sie?

Wohlstand ist, wenn alle Menschen nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen leben können.

Sie sagen, der Kapitalismus hat uns auch Gutes gebracht. Was konkret meinen Sie damit, und was können wir für die Zukunft daraus lernen?

Der Kapitalismus hat erstmals Wachstum pro Kopf ermöglicht. Dies bedeutet nicht nur materiellen Wohlstand, sondern es wurden auch immaterielle Güter erzeugt: Die Lebenserwartung ist von 35 auf über 80 Jahre gestiegen; die Demokratie wurde möglich und die Bildung stark erweitert. Früher gingen nur 1 Prozent der Männer auf die Universität. Für Frauen war gar keine Bildung vorgesehen. Und schließlich: Auch das Thema Gleichberechtigung bekommt erst Schwung, wenn eine Gesellschaft wohlhabend ist – ob es nun die Gleichberechtigung von Frauen, Behinderten, Homosexuellen, religiösen Minderheiten oder Zuwanderern ist.

Ist grünes Wachstum möglich? Oder braucht es vielmehr ein grünes Schrumpfen?

Aus meiner Sicht ist grünes Wachstum nicht möglich, weil Öko-Energie immer knapp bleiben wird. Es braucht also „grünes Schrumpfen“. Um es konkret zu machen: Die Öko-Energie wird nicht reichen, damit jeder jederzeit ungebremst Strom verbrauchen kann. Man wird aufs private Auto verzichten müssen. Auch Flüge sind nicht möglich, wenn wir klimaneutral sein wollen. Denn "grünes" Kerosin ist extrem teuer.

Wie wird sich unser Leben durch Corona unmittelbar verändern?

Mittelfristig wird sich unser Leben durch Corona gar nicht verändern. Sobald alle geimpft sind und es regelmäßige Auffrischungen gibt, wird es weiter gehen wie vorher.

Wohin werden sich die Finanzmärkte in den kommenden Jahren entwickeln? Wird es noch Renditen von 15% geben?

Renditen von 15 Prozent waren eigentlich noch nie möglich. Die Gewinne können nur so stark steigen, wie die Wirtschaft wächst. Dass es in der Vergangenheit so aussah, als gäbe es exorbitante Renditen, liegt vor allem daran, dass eine gigantische Geldblase aufgepumpt wurde.

Wie kann eine weitere oder noch stärkere Ungleichverteilung – von Macht und Gütern – in unserer Gesellschaft verhindert werden?

Am wichtigsten sind die Löhne, nötig sind also starke Gewerkschaften. Ansonsten muss das Steuer- und Abgabensystem progressiv gestaltet sein, so dass die Reichen relativ mehr zahlen als die Armen. Momentan ist es genau anders herum. Vor allem die Vermögenden werden entlastet.

Herzlichen Dank für das Gespräch!